“Foxconn? Das ist doch dieses Kinderausbeuter-Straflager in China, wo iPhones zusammengeklöppelt werden! Das weiß doch jedes Kind!” – so oder so ähnlich könnte man die derzeitige Wahrnehmung von Foxconn im deutschsprachigen Raum umreißen. Und in der Tat: Die menschenverachtenden Zustände, die in dem chinesischen Industrie-Giganten herrschen, sind kein Ruhmesblatt für Apple, das als modernes, freundliches und positives Unternehmen verstanden werden möchte. Allerdings auch nicht für Acer, Amazon, Cisco, Dell, Hewlett-Packard, Intel, Microsoft, Motorola Mobility, Nintendo, Nokia, Sony, Toshiba und Vizio, um die englischsprachige Wikipedia mit der Liste jener Unternehmen zu zitieren, die teilweise oder vollständig Teile oder Endprodukte bei Foxconn produzieren lassen.
Man mag also zu Apple stehen, wie man möchte: angesichts der Tatsache, dass Foxconn weltweit 1,3 Millionen Mitarbeiter beschäftigt und nach eigenen Angaben knapp 10 15 (Typo, danke an Chi!) Prozent davon, rund 178.000, für die Produktion für Apple tätig sind, ist es schon verwunderlich, dass der Lifestyle-Konzern jedes Mal in sämtlichen Medien dran glauben muss, wenn wieder einmal etwas bei Foxconn schiefgelaufen ist. Sämtliche Verlagsmedien, darunter auch die Zeit, Spiegel Online und viele mehr, können es nicht lassen, in der Überschrift Apple zu verbauen – nachdem übrigens nicht wenige dieser Artikel auf einem Macbook geschrieben wurden. Das aber nur am Rande. Woher kommt dieses Phänomen?
Sind Journalisten per se Apple-Hasser? Haben sie sich anstecken lassen von dem für Außenstehende bisweilen etwas grenzdebil anmutenden, ewig schwelenden Religionskrieg zwischen Apple-Nutzern und solchen, die Apple ablehnend gegenüberstehen? Oder werden sie gar von einer unsichtbaren Lobby von Industriemagnaten, bestehend aus Mitbewerbern des Unternehmens, für ihre mediale Kriegsführung bezahlt? Wohl kaum.
Vielmehr bestimmt auch im Web der Grundsatz von Angebot und Nachfrage in direkter Weise das Angebot. Hohe Klickraten werden im Web nur erzielt, indem man sich in den Suchmaschinen möglichst weit oben positioniert. Ein Begriff wie “Apple”, das hat sich auch in Verlagsmedien inzwischen herumgesprochen, wirkt auf die Klickrate beinahe noch positiver als “Sex”. Am besten wird der Reißer natürlich, wenn man es schafft, möglichst viele solcher Buzzwords wie “Apple”, “iPhone”, “iPad”, “Skandal”, “Sex” und dergleichen in der Headline zu verbauen. Da sich aber nicht täglich ein Sex-Skandal bei Apple zurechtschreiben lässt, bei dem das neue iPhone auf einem iPad präsentiert wurde und diese Headline zudem noch reichlich sperrig würde und das Layout der meisten gängigen CMS-Systeme sprengen würde, müssen halt wenige dieser Buzzwords ausreichen. Apple liest sich dabei viel interessanter als der schnöde Name Foxconn.
Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das journalistische Neutralitätsgebot. Per se ist es zwar nicht falsch, dass Foxconn für Apple produziert. Und sicher ist es auch richtig, dass die moralischen Erwartungen an Apple schon allein durch das selbst aufgebaute Firmenimage höher sind als an Unternehmen wie Dell oder Acer. Nicht richtig ist es aber dennoch meiner Meinung nach, über 80 Prozent der Vertragspartner allenfalls in einem Nebensatz zu streifen und auf einem Vertragspartner, der personell keine 15 Prozent der Auslastung verursacht, herumzureiten. Kurzsichtig ist es sicher clever, mit provokanten Headlines gleich noch den Kommentarbereich anzukurbeln und sich dann diebisch über eine rege Prügelei zwischen Foxconn-Mitarbeitern Apple-Fans und Apple-Hassern zu freuen, die munter die eigenen Zahlen in die Höhe schnellen lassen. Auf lange Sicht gesehen erweisen sich Medien mit solch einem Habitus aber einen Bärendienst: sie, die sich als “Qualitätsjournalisten” gegen die Blogosphäre abgrenzen möchten, bewegen sich in einem Fahrwasser, aus dem viele qualitativ hochwertige Blogs längst wieder ausgeschert sind.
Es wäre also dringend an der Zeit, von plumpen SEO-Maßnahmen wie Keyword-Stuffing, Redating und anderen uninformativen und wirklichkeitsverzerrenden Methoden Abstand zu nehmen und sich auf das Kerngeschäft zurückzubesinnen.
Nachtrag: Offenbar kommen selbst Nachrichtenagenturen nicht mehr ohne Buzzwords aus. Reuters titelt um 14.01 Uhr völlig tatsachenverdrehend “Massenschlägerei bei chinesischem Apple-Zulieferer” und macht mit seinem Bericht, in dem ganz am Ende nebenbei erwähnt wird, dass Foxconn neben Apple auch für “Dell und Nokia” fertigt (sic!), auf die Zustände im Werk Taiyuan aufmerksam, in dem es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen Mitarbeitern gekommen war – aus bislang unbekannten Gründen. Interessanter wird es allerdings, als Reuters erklärt, dass im Werk Taiyuan auch das iPhone 5 produziert werden soll und dies als Fakt präsentiert. Tatsache ist, dass bislang weder Foxconn noch Apple bestätigen wollten, ob in Taiyuan iPhones hergestellt werden. Zwar gelang es einem chinesischen Journalisten angeblich, sich vor dem Start des iPhone 5 in das Werk Taiyuan einzuschleusen und mit einem anschließenden Bericht im Wallraff-Stil für Aufsehen zu sorgen, doch selbst in seinem Bericht war nur die Rede von der Herstellung von Teilen, “möglicherweise Rückschalen für das iPhone 5″. Woher Reuters also die Gewissheit nimmt, dass das iPhone 5 (was für Apple ungewöhnlich wäre) komplett in Taiyuan gefertigt werde – das weiß wohl nur der Autor allein.
Update am 17. Oktober 2012: Wieder einmal hat es Foxconn in die Nachrichten geschafft. Und wieder einmal greift der bereits erwähnte Mechanismus. So titelt beispielsweise Spiegel Online: “Apple-Zulieferer Foxconn beschäftigte Minderjährige“. Im Artikeltext geht es um 14-jährige, angeblich Praktikanten. Man mag von dem Vorgang halten, was man mag. Aber der Autor des Textes führt seine Headline im Artikeltext selbst ad absurdum. Dort erklärt er, es handle sich im konkreten Fall um das Werk Yantai in der Provinz Shandong. Und, wie er weiter ausführt: “Apple-Produkte werden dem Unternehmen zufolge in dem Werk nicht hergestellt. Laut Foxconn wurden keine weiteren Verstöße in anderen Werken entdeckt.” Es wird also eine Headline herangezogen, die eine indirekte Verwicklung von Apple in Kinderarbeit suggeriert, der Text selbst hebelt diese Andeutung aber wieder aus. Einen Beleg hierfür gibt es nicht. Mit derselben fragwürdigen Mechanik arbeiten auch Reuters Deutschland (“Apple-Zulieferer Foxconn gibt Beschäftigung von 14-jährigen zu”), die Süddeutsche (“Apple-Zulieferer Foxconn lässt 14-Jährige in Fabrik arbeiten”), Netzwelt.de (“Foxconn: Apple-Zulieferer bestätigt Kinderarbeit”), RP Online (“Apple-Zulieferer Foxconn gesteht Kinderarbeit”), und selbst die FAZ ist sich nicht zu schade für die Headline “Apple-Zulieferer: Foxconn räumt Beschäftigung von 14-Jährigen ein”.
Foto: Mushroom Princess / flickr.com under cc by-nd 2.0
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